Vor fast genau 2 Jahren hatten wir das letzte Interview mit der Legasthenikerin Katrin Schütz aus Bad Bramstedt. Damals schilderte sie ihre alltägliche Situation in ihrer Bad Bramstedter Realschule. Heute wollen wir sie über die jetzige Situation in ihrem Leben interviewen und herausfinden, ob ihr Berufswunsch, eine Polizistin zu werden bzw. einen höheren Bildungsweg auch als Legasthenikerin einzuschlagen, verwirklicht werden kann.
Lars-Michael Lehmann: Vor 2 Jahren hast du uns sehr ausführlich über deine schulische Situation berichtet. Gab es damals auf das Interview irgendwelche Rückmeldungen?
Katrin Schütz: Auf das Interview direkt gab es keine Rückmeldungen von Lehrern, sondern nur von Verwandten und Freunden. Allerdings haben wir Lehrer an unserer damaligen Schule über dieses Projekt: „Das Leben mit Legasthenie“ , aufgeklärt. Danach hat sich bei den betroffenen Lehrern einiges verändert – zum Positiven natürlich.
Lars-Michael Lehmann: Damals hast du deinen Wunsch geäußert, weiter auf die Schule zu gehen oder Polizistin zu werden. Mit welchem Durchschnitt hast du deinen Realschulabschluss geschafft? Wie waren deine Zensuren im Fach Deutsch?
Katrin Schütz: Ich habe meinen Realschulabschluss mit einem Durchschnitt von 2,2 bestanden und gehe nun weiter zur Schule, um mein Abitur zu machen. In der Abschlussarbeit in Deutsch habe ich eine glatte Zwei gehabt und mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden.
Lars-Michael Lehmann: Wie erlebst du deine heutige Situation als Legasthenikerin? Begegnet man dir mit dem Thema Legasthenie offener – oder nach wie vor eher weniger aufgeklärt? Erzähle einfach mal.
Katrin Schütz: Das Thema Legasthenie wird leider immer noch eher totgeschwiegen. Die wenigsten Lehrer scheinen umfassend informiert zu sein, und wenn man ein Wort in den Klausuren falsch geschrieben hat, wird es gleich vor der ganzen Klasse an den Pranger gestellt. Ich habe auch Legastheniker kennen gelernt, die sich auf ihrer Legasthenie ausruhen, was ich ebenfalls nicht in Ordnung finde.
Lars-Michael Lehmann: Was hat sich so in den letzten Jahren in deinem Leben so verändert? Mit 17 Jahren wird man ja so langsam erwachsen – und sieht die Welt mit anderen Augen als man sie mit 15 gesehen hat.
Katrin Schütz: Nun, was sich verändert hat? Es hat sich viel verändert, wenn Sie schon so fragen. Zunächst ist da die neue Schule, auf der Legasthenie nicht mehr anerkannt ist - und ich erlebe einen viel anstrengenderen Tag als früher. Wenn man auf diese neuen Erfahrungen zurückblickt und das, wie das Schulleben momentan ist, könnte man wirklich sagen, dass man den Realschulabschluss mit noch besseren Noten hätte schaffen können. Es hat sich auch viel an der Einstellung verändert. Man lernt, sich seine eigene Meinung über Dinge zu bilden und nicht den Medien zu vertrauen. Und man findet besondere Eigenschaften über sich selber heraus wie zum Beispiel, dass man – als Legastheniker – lernt, Schreiben zu lieben, denn man kann seine Gedanken zwar nicht immer ganz richtig in Schrift umsetzen, aber man kann sie detailgetreu beschreiben, ausmalen und all das tun, was die Fantasie zulässt.
Lars-Michael Lehmann: Wie siehst du deine eigene berufliche Zukunft? Kannst du dir vorstellen, dass unsere Potenziale als Legastheniker bei Arbeitnehmern interessant sein könnten?
Katrin Schütz: Ich steh zu meiner Legasthenie und finde grade, dass es einen so interessanter macht. Kein Mensch ist perfekt und man muss das Beste daraus machen. Ich persönlich habe das Schreiben für mich entdeckt und möchte gerne in den Bereich Journalismus – mit dem Schwerpunkt Musik. Durch meine Schule, wo ich den Schwerpunkt Kommunikation und Medien (Deutsch) und Wirtschaft habe, hoffe ich natürlich, mein gewünschtes Ziel erreichen zu können. Ich rate jeder Legasthenie betroffenen Person zu kämpfen und nicht aufzugeben. Wenn man lernt, gegen die Legasthenie zu kämpfen, schafft man es auch, für seinen Traum zu kämpfen und zu seiner Legasthenie zu stehen. Alle die sich allerdings darauf ausruhen sind meiner Meinung nach nicht fähig, etwas ändern zu wollen.
Lars-Michael Lehmann: Hast du denn in den letzten Jahren deine eigenen Potenziale und Fähigkeiten entdeckt? Erzähl uns doch einmal von deinen speziellen Fähigkeiten und Talenten – die wir Legastheniker alle haben.
Katrin Schütz: Fähigkeiten kann man nie genug entdecken, weil man jeden Tag etwas Neues dazu lernt, wenn man nur will. Meine Fähigkeit, wenn ich ganz frech sein darf, ist, einen Text mit so viel Gefühl zu verfassen, dass andere sich so hineinversetzen, als würden sie dasselbe spüren, wie die Person im Text. Die meisten „Legas“ haben diese Gabe, diese blühende Fantasie umzusetzen – ob in Schrift, Bild oder Musikform. Wäre ja langweilig, wenn alle perfekt sind und jeder alles kann. Ich denke auch, dass jeder Legastheniker hat seine eigenen Fähigkeiten hat, die andere nicht haben und „Normalos“ schon gar nicht.
Lars-Michael Lehmann: Vielleicht hast du die Debatten in den letzten Jahren im Bildungssystem verfolgt. Bisher hat sich in punkto differenzierter Förderung kaum was getan. Wie empfindest du die heutige Situation im Bildungssystem?
Katrin Schütz: Durch meinen Schwerpunkt Deutsch musste ich mich persönlich damit abfinden, dass Legasthenie nicht verstanden werden will, genau wie Dyskalkulie. Doch ich hoffe, dass wenigstens die nächsten Generationen nicht mehr darunter leiden und dass es vielleicht in Schulen intensive Hilfe gibt, um allen die gleiche Chance zu geben.
„Welcome to my life, you see it is not easy but I’m going to do all right. “ Sunrise Avenue
Wenn man will, schafft man sein Ziel. Also nicht aufgeben, auch wenn der Weg hart und steinig ist. Ich rate es jedem Legastheniker, denn niemand ist dumm und nach all den Jahren, in denen ich mir das anhören musste, weiß ich es auch: Niemand ist dumm! Jeder kann das Rechtschreiben und Rechnen lernen. Es kommt nur darauf an, dass wir so angenommen werden, wie wir eben sind: Als Legastheniker sind wir einzigartig.
Bildquelle: Privatfoto Katrin Schütz