Archiv für Januar 2011

Kommentar: Tabuthema Legasthenie in der FAZ

2011/01/31

Mit großen Interesse habe ich gestern den Artikel der FAZ Sonntagsausgabe 29. / 30. Januar gelesen.  Dieser Artikel hatte den Schwerpunkt Legasthenie und Studium. Laut Studentenwerk Oldenburg soll es in Deutschland rund 2% Studenten geben, die mit einer Legasthenie an deutschen Hochschulen und Universitäten studieren. Die Zahlen sind sicherlich zweifelhaft.  Journalistin Sabine Hildebrand-Woeckel  zeigt nur einen marginalen Abriss unseres Konfliktes in Deutschland. Nicht wenige von uns wollen sich mit ihren guten Fähigkeiten für eine akademische Laufbahn entscheiden. In der langjährigen Praxis erlebe ich, dass viele Betroffene keine korrekte Diagnose haben. Weil man eben vielerorts nicht in der Lage ist Leseschwierigkeiten von der genetisch bedingten ‚Legasthenie‘ und erworbenen ‚LRS‘ abzugrenzen. Daher haben viele von uns es sehr schwer, überhaupt die Schullaufbahn bis zum Studium zu durchlaufen. Genau an dieser Stelle ist der Knackpunkt! Nicht wenige Legastheniker schaffen heute  Qualifikationen unter dem ihren möglichen Fähigkeiten, über die sie in der Regel verfügen. So ist die Lage unseres heutigen Bildungssystems die schon seit Jahrzehnten dauert.

Der FAZ-Artikel definiert die: „Legasthenie als eine ausgeprägte und schwerwiegende Störung beim Erlernen des Lesen und der Rechtschreibung, die in Besonderheiten von Hirnfunktionen begründet ist.“ So lautet die offizielle Definition der `WHO‘, die von den Gesundheitsberufen unter der Klassifikation ICD-10 eingeordnet wurde. Man muss auch an dieser Stelle erwähnen, dass die WHO immer wieder die interessen der Pharmaindustrie unterstützt. Daher ist es wissenschaflich nicht glaubwürdig, denn andere Fachbereiche der Legasthenieforschung beschäftigen sich mit diesem hochkomplexen Thema viel umfassender. Legasthenie ist nicht als Störung zu verstehen, sondern als eine ganz normale Veranlagung und Lernfähigkeit des Menschen. Journalistisch gesehen ist diese Definition nicht objektiv recherchiert. Die Praxis zeigt uns, dass es keine wirkliche richtige differenzierte Definition der verschiedenen Lese-Recht-Schreibschwierigkeiten gibt. Aus diesem Grunde werden viele Betroffene nicht differenziert gefördert. In diesem Fall wird auch der Zugang für ein Abitur und  Studium längerfristig erschwert.  Es sind auch meine persönlichen Erfahrungen und vieler anderer in unserem Land. Mit sehr großen Hürden schaffen es nur sehr Wenige bis zum Abitur und Studium. Ein Großteil scheitert schon in den Grundschuljahren – so ist die Realität vieler Legastheniker im Jahr 2011 in Deutschland.

Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. stützt leider die Diskrepanzdedinition ICD-10 und die Nachteilsausgleiche der einzelnen Bundesländer sind drauf aufgebaut. In Deutschland gilt die Legasthenie nicht als Behinderung, auch wenn verschiedene Lobby-Gruppen es so gern hätten. Praktische Umsetzung von Nachteilsausgleichen für Studenten werden kaum an den Universitäten umgesetzt. Ohne klare Differenzierung der Schwierigkeiten nutzen auch diese Erlasse im Studium nichts. Die Nachteilsausgleiche sind für das Studium in der Praxis realitätsfern. Legastheniker benötigen nicht nur einen Ausgleich wie:  Zeitzugabe im Studium bei schriftlichen und mündlichen Prüfungen, sondern umfassende und persönliche Hilfe beim Studieren allgemein.

Würde man schon in den Grundschuljahren  eine Legasthenie differenziert erkennen, könnten viele ihre Schwierigkeiten in der Schulzeit ausgeglichen werden, um später einen akademischen Weg einzuschlagen. In unseren Land hapert es schon an der umfassenden frühen Förderung die längerfristig den Berufsweg erschweren. Natürlich zum Nachteil unserer wirtschaftlichen Entwicklung. Seit einigen Jahren hat die pädagogische Legasthenieforschung sehr gute Ansätze für das pädagogische Lerntraining entwickelt, um die Legasthenie gut überwinden zu können. Im öffentlichen Bildungssystem und den Verbänden werden diese nur nicht wahrgenommen.

Professor Torsten Kies von der Hochschule Lausitz will seine Hochschule legastheniefreundlicher gestalten. Er hat die besonderen Fähigkeiten legasthener Studenten erkannt, und möchte den Betroffenen das Studium erleichtern. Bisher gibt es in Deutschland kaum eine Hochschule die in der Lage ist legasthene Studenten beim Studieren zu unterstützen. Nicht wenige Hochschullehrer sind über das Thema richtig aufgeklärt. Also ist die Lage der Hochschulen nicht anders als an den Schulen. Von vielen Betroffenen hört man vielerorts alarmierende Berichte. Deshalb outen sich viele Legastheniker nicht in der Öffentlichkeit. Wer will den schon zu einer Störung stehen die keine ist? Also liegt es auch mit an unseren Verbänden die, die veralteten Störbilder unterstützen. So kann man auch über das Tabuthema Legasthenie keinen gesellschaftlichen Dialog führen, um das Stigma gänzlich zu enttabuisieren.

Wenn Sie den FAZ-Artikel in voller Länge lesen möchten, können Sie sich hier informieren.

Die Institutsseiten von Legasthenie Coac…

2011/01/24

Die Institutsseiten von Legasthenie Coaching – Diagnose, Training und Erfolg sind nun online – Vereinbaren Sie noch heute einen Termin.

Buchbesprechung: Lesen und Legasthenie aus kognitionspsychologischer Perspektive

2011/01/10

Der führende französische Intelligenzforscher Prof. Stanislas Dehaene veröffentlichte im Sommer 2010 die deutsche Ausgabe des Sachbuchs „Lesen – Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert“.

In seinem umfassenden Werk beleuchtet er sehr differenziert heutige wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entstehung der Lesekompetenz. Neuronale Strukturen und Verarbeitungsprozesse werden im Detail genauer beleuchtet. Auch das Lesen lernen beschreibt er sehr gut. Außerdem stellt er die heiß debattierte Ganzwortmethode infrage und zeigt eindeutige Fakten auf für die Ineffizienz dieser Leselernmethode.

Besonders interessant ist das Kapitel über das Legasthenikergehirn, wo er auf sehr wichtige Zusammenhänge bei der Entstehung der Legasthenie eingeht. Dass ein Kognitionspsychologe natürlich von einer Lesestörung schreibt, ist nicht verwunderlich. Er bekräftig aber: „Unter Legasthenie versteht man eine unverhältnismäßige Schwierigkeit beim Leseerwerb, die nicht durch eine Verzögerung der geistigen Entwicklung, durch Mängel der Sinneswahrnehmungen oder durch ein ungünstiges soziales oder familiäres Umfeld erklärbar ist“, was wiederrum bei erworbenen Schwierigkeiten der Fall sein kann. Da treffen mögliche Erkrankungen der Sinnesorgane, Mängel in der geistigen Entwicklung, sowie seelische Erkrankungen, und Schwierigkeiten im sozialen oder schulischen Umfeld auf. Mit dieser Definition wird in dem Jahre währenden Streit, ob man Legasthenie und erworbene Schwierigkeiten, also die Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS), differenzieren muss, auch einmal von einem Psychologen eine klare Position bezogen. Bisher gab es in der populären Literatur keine derartige Differenzierung. Daher liegt es nahe, auch bei der Diagnostik zu differenzieren, um bei den Betroffenen mit Erfolg intervenieren zu können.

Die Wissenschaft streitet bis heute, ob nun die Legasthenie nur mit einer anderen visuellen (sehen) oder nur optischen(hören) Verarbeitungsstörung zu tun hat. Die komplexen Zusammenhänge der hörenden und sehenden Wahrnehmung beim Lesen und Schreiben, diese ist bei Legasthenikern unterschiedlich, es gibt vielfältige Kombinationen und Ausprägungen. Verschiedene Studien belegen, dass die Legasthenie auf eine andere neuronale Verschaltung der linken und rechten Gehirnhelfe zurückzuführen ist. Sie bestätigen, dass man mit einem Training aller Sinnesfunktionen das Gehirn neu strukturieren kann, da es sich durch seine Neuroplastiziät umfassend neuorganisieren kann. Daher kann man nach der Lektüre dieses Buches zu dem Schluss kommen, dass legasthene Menschen über eine veranlagte Variation universaler neuronaler Mechanismen verfügen, um anders das Lesen zu erlernen – jedenfalls ist Legasthenie als ein Krankheitsbild, ein Störbild oder gar ein Defizit nicht mehr tragbar. Im engeren Sinne liegt nur eine andere neuronale Verschaltung mit komplexen Zusammenhängen vor, die man durch ein umfassendes Lernumfeld mit Erfolg ausgleichen kann.

Dehaene bezweifelt, dass es längerfristig keine Behandlungsformen einer Legasthenie geben wird, um eine Legasthenie zu heilen, da sie erwiesener Maßen ein genetisches und neurologisches Erbe darstellt. Dieses Sachbuch sollte die Wissenschaftswelt animieren, sich viel umfassender und interdisziplinärer mit diesen Thema zu beschäftigen, so dass Menschen mit einer Legasthenie die gleichen Möglichkeiten haben, sich zu entwickeln.

Wer sich mit diesem sehr komplexen Thema einmal genauer beschäftigen möchte, dem empfehle ich unbedingt dieses Sachbuch. http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=348725

Buchcover: Knaus Verlag


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